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Brad Paisley
im Universal Amphitheatre in Universal City (Los Angeles)
Ein Konzertbericht von Hauke Strübing
Meine Sicht der Dinge: Der 27. September 2002 – ein Tag der Bestätigung und ein Tag der festen Überzeugung, wer in Zukunft die Geschicke der Country Music in vorderster Reihe beeinflussen wird. Es gibt nur noch wenige Sänger/innen, die im wahren Sinne Country Music singen, Country Music leben und die das Zeug dazu haben, dies auch zu vermitteln. Die Zahl derer ist gering, von denen man nach einem Konzerterlebnis sagen kann: Heute habe ich Country Music gehört, heute habe ich Country Music erlebt. Die ältere Generation der Country Sänger, die diese Eindrücke vermitteln konnte, ist dabei, sich zu verabschieden – vornweg genannt George Jones, Merle Haggard, Johnny Cash. Dieser 27. September hat mir allerdings auch in aller Deutlichkeit gezeigt und bestätigt, in welche Richtung eine zu starke Lenkung und Besessenheit junge und talentierte Künstler wie auch Shannon Lawson und Steve Azar führt. Brad Paisley besaß und besitzt die Stärke, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten, einen eigenen Stil zu entwickeln und sich nicht von anderen Einflüssen jagen zu lassen. Brad Paisley ist ein selbstbewußter junger Mann, er ist der kommende Star der Country Music.
Brad Paisley ist der Mann, der die Fahne der Country Music weiter im Wind wehen läßt – erhaben über jegliche Diskussion der Frage ob Country oder nicht. Den Nobel-Preis für Country Music, wenn es ihn gäbe, würde er erhalten für seine Leistung „Too Country“! Und es ist keine Frage, daß er sich binnen kurz oder lang in die Spitzenklasse der Hank Williams, Lefty Frizzells, George Jones, Merle Haggards, Buck Owens und Alan Jacksons einreihen wird. Auf dem allerbesten Wege dazu ist er.
Ob
-sicherlich nicht- gewollt oder nur Zufall: Die Diskrepanz dieser Entwicklung in
der Country Music konnte nicht deutlicher dargestellt
werden als an diesem Freitagabend
im
Universal Amphitheatre in Universal City (Los Angeles), als Shannon Lawson,
Steve Azar und Brad Paisley im
Rahmen der CMT Most Wanted Life Show auf der Bühne standen. Hier
der 28jährige Shannon Lawson aus Taylorsville, Kentucky, aus einer Familie mit
Bluegrass-Background, ein Eindruck, der aber nur verblaßt herüberkam, was wohl
auch nicht die Absicht war. Wie Steve Azar aus Greenville, Mississippi, hat sich
Shannon Lawson den Leitlinien der allmächtigen Music Row
unterworfen: Eine eigene Linie in der Musik beider Künstler ist nicht
auszumachen – nicht einmal der Versuch, sich der neo-traditionellen geschweige
denn traditionellen Country Music zaghaft zu nähern. So spielten etwa das
eingesetzte 5-String-Banjo in Shannon Lawsons 35-Minuten-Show und die Steel
Guitar bei Steve Azar an diesem Abend nur eine Alibirolle für etwas, was hätte
sein können, was aber nicht kam.
Nach
Steve Azars 35-Minuten-Auftritt wächst dann die Spannung. Mittlerweile ist es
21.45 Uhr. Das Publikum ist immer noch
ständig
in Bewegung, anders als bei. Und nun setzt auf der offenen Bühne, für jedermann
sichtbar ein seltsames Schauspiel ein. Die Bühne vor der
übergroßen Werbe-Leinwand für die CMT-Show wird abgeräumt, sämtliche
Instrumente, sämtliche Podeste werden weggetragen, bis die Bühne ratzeputz leer
ist. Großes Rätselraten, was nun passieren würde. Ein Putzkommande bringt eine
große Mülltonne auf die Bühne, mit Besen und Schaufel wird die Bühne gesäubert.
Die Bühne ist weiterhin leer, und die Spannung wächst. Da!
Das erste Mikrofon wird aufgestellt, dann das 2., alles nach Plan, ein
Bühnenchef gibt entsprechende Anweisungen. Und jetzt das dritte Mikrofon, und
die Spannung steigt und steigt (bei Künstlerwechseln auf der Grand Ole
Opry-Bühne geht alles schneller, bemerke ich ganz unkritisch), doch da wird auch
schon das 4. Mikrofon hereingetragen – und immer noch kein Instrument in Sicht.
Aber jetzt! Im Hintergrund singt Johnny Cash „I Walk The Line“ über die
Lautsprecheranlage, nachdem das Band oder die CD mit einem Freddy Fender-Titel
schon in der vorangegangenen Pause den Geist aufgegeben hatte. Und immer noch
keine Instrumente. Auf der Bühne inzwischen 4 Mikrofone und sonst nichts. Es ist
22.05 Uhr.
Zeit
eigentlich für andere Dinge, aber heute abend nicht. Denn jetzt wird die
Leinwand mit dem CMT-Emblem in die Höhe gezogen und schlagartig wird mir klar,
daß Shannon Lawson und Steve Azar im wahrsten Sinne des Wortes nur im Vorhof der
Country Music gesungen haben. Die ganze Weite der Bühne präsentiert sich jetzt
den wohl 3-4000 Besuchern, und da steht er: Brad Paisley – unterstützt von
seiner 6-köpfigen Band. Schon sein erstes Lied „In The Jailhouse Now“ bringt die
Zuhörer auf den richtigen Kurs: Hier bin ich, hier stehe ich in der großen
Tradition der Country Music. Meine Güte, welcher andere Sänger würde heute mit
diesem symbolträchtigen Lied von Jimmie Rodgers aus den
20er
Jahren, mit dem Webb Pierce 1955 geschlagene 21 Wochen einen Nummer-1-Hit hatte,
ein Konzert beginnen? (Wenn ein Moderator einer deutschen Country-Sendung es nur
wagen würde, mit diesem Lied eine Sendung einzuleiten, dann hätte er für die
längste Zeit seines Lebens ein Mikrofon aus der Nähe gesehen. Erlauben Sie mir
diese Anmerkung). Das Publikum ist begeistert, und die Begeisterung steigt mit
jedem weiteren Lied: “Who Needs Pictures“ (sein erster großer Single-Erfolg),
„We Danced“ (sein zweiter Nr. 1-Hit), „Me Neither“, zwischendurch immer wieder
seine leicht provokative Frage „Are we gonna go fishin`“, was die Zuschauer zu
Begeisterungszurufen veranlaßt: Sie wollen, und sie hören ihn schließlich den
„Fishing Song“, der gar nicht so heißt sondern „I´m Gonna Miss Her“. Und
abwechselnd führt er immer wieder vor, wie meisterhaft er Gitarre spielen kann,
eine Fähigkeit, die er bei seinen kurzen Opry-Auftritten in Nashville kaum
einsetzen kann. Hier im Universal Amphitheatre öffnete sich für den Zuhörer die
ganze andere Welt des Brad Paisley: Brad Paisley als der eine Tradition
fortsetzende Sänger mit der angenehmen, auch die Töne ziehenden Stimme, Brad
Paisley als Unterhalter, dessen Worte im Laufe des Abends ein Thema (hier:
Liebe, Ehe, Partnerschaft) abhandeln und nicht einfach nur so daher gequasselt
sind, und dann ist da der Brad Paisley als Gitarrist. Und es ist partout kein
Zufall, daß sich auf seinen beiden CDs „Brad Paisley“ (The Nervous Breakdown)
und „Part II“ (Munster Rag) jeweils ein Instrumental befindet. Und es ist ebenso
wenig ein Zufall, daß auf beiden CDs je ein Country-Gospel zu hören ist (In The
Garden/The Old Rugged Cross).
Inzwischen hat seine Band die Bühne verlassen, alle denken zwar: Das war´s. Doch jetzt folgt einer jener Höhepunkte, die einem je nach Konstitution die Tränen in die Augen treiben und das Erlebnis zum Unvergeßlichen macht. Auf dem großen Bühnenraum erlöschen die Lichter, die Dekoration – ein Motorboot, zwei Bäume – entschwinden in der Dunkelheit, die Hauptperson allein auf der Bühne mit seiner Gitarre. Im Zuschauerraum wird es stille, und dann passiert das, was eben nur die ganz Großen und Könner machen: Er singt, er spielt Gitarre, er singt ein, zwei Gospel. Die Kraft seines Gitarrespielens wächst von Minute zu Minute, ein Bandmitglied gesellt sich zu ihm, die „Dueling Banjos“ erklingen. Er macht seine Verbeugung vor ZZ Top (Sharp Dressed Man). Und dann die erste große Überraschung: Brad Paisley kündigt Albert Lee an, mit dem er dann bis zum Ende der Show auf der Bühne gemeinsam spielt. Ganz cool, manchmal denkt man an das Bild zweier großen Jungs, die Gott und die Welt vergessen haben, und sich mit ihrem Spielzeug beschäftigen und gar nicht merken, daß da noch Aber-Tausende Ohren zuhören.
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James Belushi und Brad Paisley |
Langsam füllt sich die Bühne wieder zur großen Jam-Session. Shannon Lawson spielt im Hintergrund mit, auch Steve Azar – und dann steht da ein Mann im rosa-karrierten Hemd, wie gerade aus der Freizeit geholt. Ein freundlicher Nachbar reicht uns immer wieder sein Fernglas, damit wir uns mal die Jungs angucken aus weiter Ferne, und ich denke „verflixt, wer ist denn das, den kennst du doch vom Sehen“ und kriege den Menschen nicht unter, der inzwischen - von Paisley gefragt - ob er auch mitsingen möchte, wie der Blitz quer über und hinter die Bühne rennt, dann wiederkommt und mit zum großen Finale ansetzt. Vor Überraschungen ist man ja bei Konzerten in den USA nie gefeit, vielleicht in Hollywood noch viel weniger. Und am wenigsten hätte ich ja nun den Schauspieler James Belushi in einer Country-Show erwartet, der im Finale seinen großen Auftritt als Sänger und Mundharmonika-Spieler hatte.
Und ich mußte in dem Augenblick wieder an die Worte meines Sohnes denken, der dieses denkwürdige Ereignis (als Bowie-Fan!) miterlebte und genoß und mich schon beim Kauf der Eintrittskarten etwas entgeistert fragte: „Was? 49,50$ kostet eine Karte? Das hat ja noch nicht mal das Konzert mit Bowie im E-Werk in Köln gekostet!“ Ja was soll´s, sagte ich ihm, sollen wir Herrn Paisley vielleicht nach Deutschland zu einem Privatkonzert bitten, wo doch deutsche Veranstalter einen Mann wie Brad Paisley gar nicht zu würdigen wissen? Für 49,50$ ist er sicherlich dabei! Und was hätte erst Herr Belushi zu diesem Einfall gesagt!
Um 23.40 Uhr war
dieser Abend vorbei. Und wir waren überzeugt, etwas Besonderes erlebt zu haben.
Hinweis: Die 4 Brad Paisley-Bilder wurden mir freundlicherweise von
www.bradpaisley.de (All About Brad, die
1. deutschsprachige Brad Paisley Fan Page) für diesen Bericht zur Verfügung
gestellt.
© 2002, Photos by Michelle Moy